Altkleidercontainer in Berlin

Das gute Altkleider-Recycling-Gewissen

Der Container für die Wohltat

Früher habe ich meine Altkleider im besten Recycling- und Wohltätigkeitsgedanken zum Container getragen. Die zu kleinen, zu großen, etwas abgenutzten; die, die nicht mehr trendy waren und auch manchmal die ungetragenen Fehlkäufe. Hab sogar extra drauf geachtet, die „guten“ Container zu bestücken! Sprich Malteser oder Rotes Kreuz. Immer in der Annahme, dass dann bedürftige Menschen einen großen Teil meiner Kleidung gespendet bekommen. In meiner Vorstellung z.B. im Krieg, nach Flutkatastrophen, Bränden oder weil sie schlicht nichts anzuziehen haben. Vor ein paar Jahren kam dann allerdings der Schock.

Nur ein winziger Bruchteil von der Kleidung, die in den Containern landet, wird vor Ort von gemeinnützigen Organisationen wieder an Bedürftige ausgegeben. Der Rest, egal ob aus dem DRK-Container oder aus einer kommerziellen Sammlung, wird zusammengekippt. Die besseren Sachen werden aussortiert und zum Kilopreis nach Osteuropa verkauft. Dort landen sie als Second-Hand-Ware in den Geschäften und jeder will daran mitverdienen. Der Rest der tragbaren Sachen landet als Kiloware in Geschäften in Afrika. Selbst die Ärmsten müssen dort für die eigentlich gespendeten Sachen noch bezahlen! Noch schlimmer ist, dass die Kleiderschwemme anscheinend die ortsansässigen, traditionellen Textilproduktionen zerstört. Zum Preis der Altkleider zu produzieren ist für sie unmöglich.

Recycling? Fehlanzeige!

Kleidung ist trotzdem ein Einwegartikel und von echtem Recycling, wie bei Glas z.B., weit entfernt. Der unverkäufliche Rest aus der Sortierung wird geschreddert und downgecycelt zu Dämmung, Putzlappen, Malervlies. Aufgrund der verschiedenen Materialzusammensetzungen lässt sich unsere Textilschwemme nicht mal annähernd recyclen.

Die Konzerne geben alles, damit wir in der Shopping-Glitzerwelt bleiben! Es werden, um unser Gewissen zu beruhigen, sogar Kleidungsrückgabe-Container in den Geschäften aufgestellt. Diese locken zum Teil mit einem Warengutschein bei Rückgabe von Altkleidung. Aber auch aus diesen Sammlungen wird nichts recycelt. Es ist lediglich ein Kaufanreiz per kalkuliertem Gutschein. Die abgelegten Kleidungsstücke gehen denselben Weg wie die aus allen anderen Containern.

Schick auf Kosten anderer

Trotzdem wird die „Mode“ (oder auch die Diktatur, wie ihr dieses Jahr auszusehen habt) immer schneller. Es gibt Menschen, die ein Kleidungsstück nur einmal anziehen und dann entsorgen. Für dieses eine Mal anziehen schuften Menschen sich kaputt, sind Pestiziden und sklavenartigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Ein Viertel der weltweit produzierten Pestizide wird im konventionellen Baumwollanbau verwendet. Dieser macht allerdings nur 3-4% der bewirtschafteten Gesamtfläche aus.

Aber damit hat man ja noch kein Kleidungsstück – die Pflanze muss noch geerntet werden, sortiert, gereinigt und aufbereitet für die Spinnerei. Und selbst danach hat man erstmal nur einen Faden. Dieser Faden wird dann gestrickt. Alle T-Shirts sind aus Jersey und das ist ein Strickstoff. Dieser wird auf riesigen und ganz feinen Strickmaschinen hergestellt. Wenn da mal ein Knötchen in dem Faden von eben ist… ihr könnt es euch vielleicht vorstellen.

Nach dem Stricken hat man eine Menge Stoff, aber noch keine Farbe. Wer macht die? Richtig, wieder die Ärmsten – teilweise unter menschenverachtenden und gesundheitsgefährdenden Bedingungen. Meist wird erst genäht und dann gefärbt, manchmal auch andersherum. Fakt ist, dass der Stoff zum Zeitpunkt der Verarbeitung schon in Appretur getränkt ist; Chemikalien, die Optik und Haptik verbessern. Damit lässt er sich leichter mit Maschinen verarbeiten und gaukelt am Ende dem Kunden eine bessere Qualität vor. Ich bekomme schon nur vom Tragen eines einzelnen ungewaschenen Kleidungsstücks Ausschlag. Wie soll es da erst den Fabrikarbeitern ergehen?

So und nun möchte der Käufer noch einen stylishen Druck und das Shirt im Laden seiner Wahl in Deutschland kaufen. Immernoch möglichst billig, sowas ist hier schon für 9 Euro zu haben. Muss ich noch erwähnen, auf wessen Rücken der Rest dann ausgetragen wird? Derer, die die krankheitsfördernden Dämpfe beim Drucken in Billiglohnländern einatmen müssen? Oder denen der LKW-Fahrer, die Zeug für unser Wohlstandsdasein quer über die Kontinente karren? Und dabei wegen des Zeitdrucks von ihren profitorientierten Chefs alles riskieren? Auf unserem Rücken jedenfalls nicht. Wir können hier in den Laden gehen und ein T-Shirt für 9 Euro kaufen. Es ist kaum vorstellbar, wievielen Menschen man tatsächlich mit 9 Euro ins Gesicht schlagen kann!

Was also tun?

Ich weiß, dass die meisten noch nie über sowas nachgedacht haben. Aber dass Du diesen Artikel liest, zeigt, dass es Dich interessiert! Das ist schonmal ein Anfang. Es wird höchste Zeit, unserer Kleidung und den Menschen, die dafür arbeiten, mehr Respekt zu erweisen. Nachhaltigkeit und bessere Arbeitsbedingungen an die erste Stelle zu setzen. Jetzt also alle Klamotten wegschmeissen und nur noch fairtrade und bio kaufen? Auch keine Lösung. Die Arbeit und die Gesundheit vieler Menschen stecken bereits drin. Recyclen lassen sich die Sachen bisher auch nicht. Also lieber das, was schon vorhanden ist, auftragen oder verschenken.  In den meisten Städten gibt es z.B. DRK-Stellen, wo man Kleidung abgeben kann, die dann tatsächlich an Bedürftige ausgegeben wird. Flohmarkt oder Kleidertauschparties sind auch immer eine gute Sache. Ansonsten weiterverwenden und das Beste draus machen! Oder machen lassen. Wegwerfen ist out, Upcycling ist in!

Info:

http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/faszination-wissen/recycling-downcycling-kleidung-video-102.html

https://www.youtube.com/watch?v=djXkFedpTrE

Interessanterweise hat die Firma, die die meisten Altkleider in Deutschland verkauft, zwischen fragwürdigen Informationen auch einige gute Tipps zum Umgang mit Kleidung auf ihrer Homepage: http://www.soexgroup.de/infothek.html

 

Zum Thema Textilherstellung:

http://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/industriebranchen/textilindustrie

http://www.tagesspiegel.de/politik/textilproduktion-in-bangladesch-zwoelf-stunden-schicht-fuer-einen-hungerlohn/11680950.html

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